Joke Schauvliege zum Vorsitz des Rates für Umwelt
Joke Schauvliege ist für die nächsten sechs Monate Vorsitzende des Europäischen Rates für Umwelt. Welche Themen will sie auf die Tagesordnung setzen und wie sieht sie die Zukunft der Europäischen Union?
Welche Rolle werden Sie während des EU-Ratsvorsitzes übernehmen?
Ab 1. Juli bin ich Vorsitzende des Europäischen Rates für Umwelt. Unser Vorsitz wird sich schwerpunktmäßig mit vier Themen befassen.
Mit der nachhaltigen Materialwirtschaft bringen wir ein neues Thema auf die Tagesordnung. Wir müssen effizienter mit unserer Energie umgehen, aber auch mit unseren Materialien. Nach dem Ende ihrer Verwendungsdauer müssen wir Materialien als neue Rohstoffe wiederverwerten können. Den Kreislauf schließen, heißt das. Ein zweites Thema ist das Klima. Innerhalb der EU möchten wir die Diskussion über eine Verringerung der Treibhausgasemissionen um 30 % anregen. Zum dritten Thema, der biologischen Vielfalt, wollen wir nach der in Japan stattfindenden internationalen Konferenz im Dezember mit der EU einen Aktionsplan für biologische Vielfalt erarbeiten. Und ein letztes Thema, weniger attraktiv aber sehr wichtig, ist die Verbesserung der Umweltvorschriften. Bessere Gesetze bewirken bessere Politik.
Welchen Einfluss hat die Europäische Union auf Ihr politisches Ressort?
Für Umwelt und Natur ist das von entscheidender Bedeutung. Über die Hälfte unserer Umweltgesetzgebung stammt aus der EU. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass es uns gelungen ist, die Umwelt zu einem zentralen Thema des belgischen Programms für unseren Vorsitz zu machen.
Welchen Durchbruch wünschen Sie sich in Ihrem politischen Ressort auf europäischer Ebene?
Wir wissen, dass Rohstoffe nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Wir müssen sie also effizienter und nachhaltiger verwenden.
Daher befassen wir uns in Flandern bereits mit dem Übergang von Abfallwirtschaft zu nachhaltiger Materialwirtschaft. Wir arbeiten an einem neuen Abfall- und Materialdekret, das das Abfalldekret im Rahmen der Umsetzung der Europäischen Rahmenrichtlinie ersetzen wird.
Wir müssen anfangen, zyklisch zu denken: Verwendung von Abfall als Rohstoff für neue Produkte. Über den informellen Rat für nachhaltige Materialwirtschaft am 12. und 13. Juli möchten wir auch Europa vom Materialumgang nach dem Prinzip „von Wiege zu Wiege“ überzeugen.
Wie sehen Sie die Zukunft der Europäischen Union?
Der einzige Weg besteht darin, ein funktionsfähiges Gleichgewicht zwischen stärkerer Integration und gleichzeitigem Respekt für die Autonomie der Mitgliedstaaten zu finden.
Manchmal sind Krisen wie der jüngste Wirtschafts- und Finanzschock ein echter Ansporn dafür, die Kräfte noch mehr zu bündeln, die Union für ihre Bürger noch greifbarer zu machen, so wie das seinerzeit durch den Euro geschehen ist. Auch diese Krisen müssen wir in eine Chance für ein stärkeres Europa umwandeln, oder in eine Chance für das, was Jean Monnet seinerzeit „eine Vereinigung der Interessen der europäischen Bürger“ nannte.
Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass es auf dem Weg zu intensiverer Zusammenarbeit immer Hindernisse geben wird.
Welches ist Ihr bevorzugtes Reiseziel in Europa?
Eine schwierige Frage, denn ich bin noch lange nicht in allen 26 Mitgliedstaaten gewesen. Aber ich will mal nicht so sein. Mit meiner Reiseerfahrung würde ich Frankreich wählen, weil es Reisenden praktisch alles zu bieten hat.